Für das übrige Dänemark endete der Zweite Weltkrieg am 4./5. Mai 1945. Auf Bornholm dauerte er fast ein Jahr länger: Am 7. und 8. Mai bombardierten sowjetische Flugzeuge Rønne (Rönne) und Nexø (Nexö), und die Rote Armee blieb bis zum 5. April 1946 auf der Insel. Hier erzähle ich der Reihe nach von der deutschen Besatzung, der Bombardierung, den 11 Monaten sowjetischer Präsenz und den Spuren dieser Zeit, die du auf der Insel noch sehen kannst. Die frühere Geschichte der Insel findest du im Artikel Geschichte Bornholms.
Bornholm vor dem Krieg
Vor dem Krieg lebte Bornholm vor allem von Landwirtschaft und Fischerei, seit der Wende zum 20. Jahrhundert auch vom Tourismus. Die Insel gehörte zum Königreich Dänemark, bis zur pommerschen Küste waren es rund 100 km. Der Flughafen bei Rønne wurde ab 1937 gebaut und im November 1940 eröffnet – da stand die Insel schon unter deutscher Besatzung.
Die deutsche Besetzung Dänemarks und Bornholms
Am 9. April 1940 griff das Deutsche Reich Dänemark an. Das Unternehmen Weserübung sollte den Zugang nach Norwegen sichern. Dänemark hatte keine realistische Möglichkeit, sich zu verteidigen, und kapitulierte innerhalb weniger Stunden. Auf Bornholm trafen deutsche Soldaten einen Tag später ein, am 10. April 1940.
Fünf Jahre lang lag auf der Insel nur eine kleine Garnison mit 500–1.000 Soldaten und Offizieren. Die polnische Historikerin Magda Gawinecka-Woźniak beschreibt diese Besatzung als mild, auch wenn die Deutschen Bornholm nach und nach in ihre Kriegsführung einbanden. Grundlegend änderte sich die Lage erst in den letzten Kriegswochen.
Geschütze, Horchposten und die Raketen V1 und V2
1940 begannen die Deutschen bei Dueodde mit dem Bau von zwei Geschützstellungen, stellten die Arbeiten 1941 aber wieder ein: Nach dem Angriff auf die Sowjetunion hielten sie einen Seekrieg in der Ostsee für weniger wahrscheinlich. Die Kriegsmarine testete vor der Insel U-Boote, in Levka und Snogebæk arbeiteten Horchstationen. Am wichtigsten wurde jedoch etwas anderes: die Beobachtung der Testflüge von V1 und V2, die von Peenemünde aus über die Ostsee abgeschossen wurden.
Einige Raketen stürzten auf der Insel ab. In Bodilsker zeichneten und fotografierten der Polizist Johs. Hansen und der Marineleutnant Chr. Hassager Christiansen die Trümmer einer dieser Raketen, und die Informationen gelangten zu den Alliierten nach London. In den letzten Kriegsmonaten kamen immer mehr deutsche Soldaten nach Bornholm, die sich vor der Roten Armee zurückzogen. Kommandant der Insel wurde in dieser Zeit der Marineoffizier Gerhard von Kamptz.
Die Bombardierung von Rønne und Nexø (7.–8. Mai 1945)
Am Abend des 4. Mai 1945 hörten die Dänen im Radio von der Kapitulation der deutschen Truppen in Dänemark, die Feldmarschall Montgomery ausgehandelt hatte. Die Deutschen auf Bornholm ignorierten sie. Am 5. und 6. Mai kamen über 10.000 deutsche Soldaten und Flüchtlinge auf die Insel. Je länger Bornholm gehalten wurde, desto mehr Menschen konnten nach Westen gebracht werden, weg von der Roten Armee. Von Kamptz hatte den Befehl, nur vor Briten oder Amerikanern zu kapitulieren – doch die kamen nicht nach Bornholm.

7. Mai 1945, 12:30 Uhr
Die ersten sowjetischen Bomben fielen auf Nexø, wenige Minuten später auf Rønne, am Nachmittag wurden beide Städte erneut bombardiert. Die Flugzeuge warfen außerdem Flugblätter ab, die von Kamptz zur Kapitulation aufforderten.
8. Mai, 10:00 Uhr
Es folgte der letzte und längste Angriff, der große Teile beider Städte zerstörte. Die Bewohner waren zu diesem Zeitpunkt bereits evakuiert.
Opfer und Schäden
Zehn Bornholmer Zivilisten kamen ums Leben, 35 wurden verletzt. Unter den deutschen Soldaten und Flüchtlingen gab es mindestens 120 Tote (so viele wurden in Rønne begraben), lex.dk schätzt ihre Zahl sogar auf etwa 200. In Rønne wurden über 3.000 Häuser beschädigt und über 200 völlig zerstört. In Nexø wurden 856 Häuser beschädigt, 175 lagen in Trümmern.
Die sowjetische Besatzung Bornholms
Am Nachmittag des 9. Mai 1945, als die bedingungslose Kapitulation Deutschlands in Kraft trat, kamen die ersten sowjetischen Soldaten nach Rønne. Sie begannen sofort, die deutschen Soldaten zu sammeln, und brachten innerhalb weniger Tage alle per Schiff nach Kolberg (heute Kołobrzeg). Die Rote Armee selbst blieb jedoch bis zum 5. April 1946 auf der Insel. Offiziell war sie eine Befreiungsarmee, doch mit der Zeit sahen die Bewohner in ihr einen neuen Besatzer. Die sowjetische Führung lehnte es ab, dänisches Militär auf die Insel zu lassen, und viele Einheimische fürchteten, die Russen würden gar nicht mehr abziehen. Das Bornholms Museum erinnert daran, dass die ganze Zeit über offen war, ob die Insel nicht Teil der Sowjetunion werden würde.
Die sowjetischen Soldaten lebten in Lagern außerhalb der Städte. Viele kamen direkt von der Ostfront, Alkoholismus war verbreitet, einige starben an Alkoholvergiftung. Laut der dänischen Königlichen Bibliothek begingen Soldaten in dieser Zeit 20 Vergewaltigungen sowie mehrere Übergriffe und Raubüberfälle. Zur selben Zeit bauten die Bewohner das zerbombte Rønne und Nexø wieder auf.
Befreiung und Rückkehr Bornholms zu Dänemark
Anfang 1946 tauschten die Regierungen Dänemarks und der Sowjetunion diplomatische Noten aus. Dänemark fragte, ob die Sowjetunion ihre Truppen abziehen werde, da nun auch die letzten Briten das übrige Land verließen. Moskau antwortete mit Ja – sofern Dänemark den Schutz Bornholms selbst übernehme, ohne Beteiligung fremder Truppen. Im März wurde die Einigung bekannt gegeben, ab dem 15. März trafen dänische Soldaten auf der Insel ein, und am 5. April 1946 verließen die letzten sowjetischen Soldaten den Hafen von Rønne. Auf Bornholm gilt dieser Tag als der eigentliche Tag der Befreiung.
Der Wiederaufbau dauerte noch einige Jahre. Schweden schenkte 300 vorgefertigte Holzhäuser samt Einrichtung: 225 kamen nach Rønne, 75 nach Nexø, und die ersten Bewohner zogen schon im September 1945 ein. Diese „Schwedenhäuser“ (dän. svenskehuse) bilden bis heute eigene Siedlungen. Den Wiederaufbau von Rønne leitete der Architekt Willy Hansen, und es gelang ihm, den alten Charakter der Stadt zu bewahren.
Bornholm im Kalten Krieg
Die Note von 1946 prägte die dänische Politik über Jahrzehnte. Die folgenden Regierungen legten sie so aus, dass sich auf Bornholm keine fremden Truppen aufhalten durften – auch keine verbündeten aus der NATO, der Dänemark seit 1949 angehört. Laut einem Historiker des Bornholms Museum war das eine Überinterpretation der Note, sie half aber, die Spannungen in der Ostsee nicht zu verschärfen. Erst die Regierung von Poul Schlüter brach in den 1980er-Jahren mit dieser Praxis (lex.dk nennt das Jahr 1985). Seit 2000 üben regelmäßig ausländische Truppen auf der Insel, anfangs auch russische Soldaten.
Im Kalten Krieg war Bornholm ein Vorposten des Westens: Mit dänischen Radaranlagen auf der Insel wurden die Bewegungen sowjetischer, ostdeutscher und polnischer Truppen beobachtet. Auf die Insel flohen auch Menschen aus dem Ostblock – in Fischerbooten, in Kajaks und einmal sogar mit einem Tretboot. Auf dem Friedhof in Allinge liegen 30 sowjetische Soldaten, die 1945–1946 auf Bornholm gestorben sind, unter anderem bei einer Minenexplosion und an Alkoholvergiftung. An ihrem Denkmal legt die russische Botschaft jedes Jahr einen Kranz nieder.
Das Erbe der sowjetischen Besatzung
Ein einmaliger Fall
Die Präsenz der Roten Armee auf Bornholm 1945–1946 war das erste und einzige Mal, dass sowjetische Truppen auf dänischem Gebiet stationiert waren. Sie hat dauerhafte Spuren hinterlassen: die Siedlungen mit Schwedenhäusern in Rønne und Nexø, den Friedhof der sowjetischen Soldaten in Allinge und die Note von 1946, auf die sich Russland bis heute beruft.
Bornholm seit 2022: Manöver und die Note von 1946
Mit dem Beginn des groß angelegten russischen Kriegs gegen die Ukraine rückte die Insel wieder in den Blickpunkt. Im April 2022 erwiderte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen dem russischen Botschafter, er solle sich nicht in die Gespräche Dänemarks mit den USA über eine mögliche Präsenz amerikanischer Soldaten einmischen, auch nicht, wenn es um Bornholm gehe. Als im Mai 2022 US-Truppen auf der Insel übten, warnte Botschafter Wladimir Barbin, dies könne Bornholm „von einer Insel des Friedens in einen potenziellen militärischen Brückenkopf“ verwandeln.
24. Mai 2022
Die US-Streitkräfte brachten mit einer C-17 HIMARS-Raketenwerfer auf den Flughafen Bornholm, im Rahmen der Übung DEFENDER-Europe 22 (ohne Schießübungen).
2023 und 2024
Ähnliche Übungen mit US-Truppen fanden 2023 und vom 1. bis 7. Mai 2024 auf der Insel statt.
8.–14. Mai 2026
Die dänischen Streitkräfte übten die Verteidigung Bornholms gemeinsam mit polnischen Soldaten (Baltic Shield 2026) – zu Land, zu Wasser und in der Luft, von Bornholm bis zur Nordküste Polens.
Spuren des Krieges auf Bornholm – was du sehen kannst
Bornholms Museum
Die Kriegsgeschichte der Insel lernst du am besten in der Dauerausstellung über den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg im Bornholms Museum in Rønne kennen. Im Museumsgarten ist ein Schutzraum erhalten, in dem sich Menschen während der Bombardierung von Rønne versteckten.
Gräber in Allinge
In Allinge findest du das Denkmal und die Gräber der sowjetischen Soldaten.
📚 Quellen (7)
- Jakob Seerup (Bornholms Museum), Eintrag „Bornholms besættelse 1940–1946“, lex.dk
- Eintrag „Bornholms historie“, lex.dk
- Det Kgl. Bibliotek, „The final liberation of Bornholm“
- Bornholms Museum, Ausstellung „WW II & Cold War“
- Magda Gawinecka-Woźniak, „The History of the Bornholm Island in the Years 1940–1946“, „Studia Maritima“ 26 (2013), S. 69–88
- Bolius, „300 huse var Sveriges gave til et bombet Bornholm“
- Forsvaret, „Danish and Polish forces will be training together on Bornholm“ (4.5.2026)
Geprüft am 17.10.2026.
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